Kapitel 3

Der Einbruch

 


Jan zwinkert den anderen zu, als er einen Schlüssel, der unter der Fußmatte gelegen hat, in der Hand hält.
„Wie ihr seht, alles ganz easy.“
Er schließt die Tür auf und schon finden sie sich in einem Ankleideraum wieder. Das Licht, das durch zwei große Fenster in den Raum fällt, lässt den hellen Marmorboden leuchten. Im Kontrast dazu gibt es zwei große, offene Einbauschränke, die komplett aus Edelstahl gefertigt sind und einen großen Garderobenspiegel, der auch mit einem Edelstahlrahmen eingefasst ist.
„Ein Ankleideraum nur für Reiteroutfits“, Katharina ist beeindruckt. „Sieh mal hier, das müssen die Turnierklamotten sein.“
Wenige Sekunden später zieht sich Katharina einen Turniersakko über. „Der würde mir auch stehen.“
„Und hier gibt es Reithosen in allen Farben und die passenden Westen dazu. So eine Ankleide möchte ich später auch mal haben“, stellt Anna fest und sieht dabei Jan an.
„Was haben wir eben gesagt? Nichts anfassen, aber sobald Weiber Klamotten sehen, drehen sie durch.“
Unbeeindruckt probiert Katharina ein Paar besonders schöne Reitstiefel an.
„Das Leder ist ganz weich. Ich weiß nicht, was du hast Jan, ist doch keiner da! Wir wissen von Alina, dass die erst morgen wieder zurück sind.“
Anna und Jan betreten die Eingangshalle, von der es weiter zu den anderen Räumen im Erdgeschoss und über eine Treppe ins Dachgeschoss geht. Während Katharina sich noch nicht vom Ankleidezimmer trennen kann, dringen Felix und Karl dagegen schon weiter in das Haus vor und sind von der Bildfläche verschwunden.
„Zufrieden?“ Anna schmiegt sich an Jan und umarmt seinen muskulösen Körper. Dann fasst sie ihn an der Schulter, gibt ihm Küsse auf Nase und Mund und streicht ihm durch das Haar.
Zärtlich sagt sie: „Ich würde vorschlagen, wir suchen jetzt das Schlaf- und das Arbeitszimmer der Anne Merz. Das wird für uns am spannendsten! Mich würde ja das Schlafzimmer von Christian noch mehr interessieren! Wenn sie denn getrennte haben.“
Anna hört nur ein unterdrücktes Lachen, das sie weder als Ja noch als Nein einordnen kann. Sie löst sich von ihm und wirft ihre dunkelblonden Haare nach hinten. Jetzt ist es Jan, der seine Hände auf ihre Schultern legt. Anna liebt den Kontakt mit seinen starken Händen und schaut ihm in seine blauen Augen.
„Ich finde, du sprichst sehr viel von diesem Typen.“
„Wir sind seine Gäste, nicht wahr?“
„Aber natürlich, nur wurden wir nicht eingeladen“, knurrt Jan.
„Ach, ist Jan Popien, der coole Typ, etwa eifersüchtig?“
„Ich, eifersüchtig? Auf den alten Sack? Das glaubst du wohl selber nicht! Unser Afghanistan-Krieger ist mit seinen fast 40 Jahren doch schon scheintot.“
„Ein schönes Gefühl, wenn du eifersüchtig bist.“
Er runzelt die Stirn. „Sag mir, dass du mich liebst!“
Ihr Gesicht nimmt einen amüsierten Ausdruck an, und sie berührt mit ihrem Finger seine Lippen.
„Du weißt, dass ich dich liebe!“
Aus einem der Zimmer kommt ein Schrei. „Hey, kommt alle mal her!“ Die Stimme insistiert: „Na los, beeilt euch!“
Katharina kommt aus der Ankleide, und Karl erscheint aus einem Zimmer, das an die Eingangshalle grenzt.
„Habt ihr das auch gehört? Ich glaube, es kam von dort.“ Karl geht voran durch eine offene Glastür in den nächsten Raum. Die anderen folgen. Sie kommen in ein Esszimmer, das nur durch Glaswände von der Küche und dem Eingangs- und Wohnbereich abgetrennt ist. Als sie dann in dem hellen, modern eingerichteten Wohnzimmer stehen, sehen sie, dass eine der zwei Türen, die von diesem Raum abgehen, geöffnet ist. Durch sie gelangen sie in ein Schlafzimmer. Vor einem schönen antiken Sekretär aus dunkelbraunem Holz, dessen unterste Schublade geöffnet ist, steht Felix.
Er hat zwei Zeitungsseiten, offenbar aus den „Emsländer Nachrichten“, in seiner erhobenen Hand, die er in der Luft schwenkt. Er schaut sie ungeduldig an. „Na, endlich da? Seht her, was ich gefunden habe!“
Die Enttäuschung ist Jan anzumerken, als er seine gut vernehmliche Stimmer erhebt: „Deshalb hast du uns gerufen? Hältst du da die Emsländer Trottel Times in der Hand?“ Er zeigt auf die offenstehende Schublade im Sekretär. „Und die Fingerabdrücke? Du Dussel!“
Die Antwort von Felix kommt kurz und knapp: „Halt den Rand! Ihr müsst das unbedingt lesen.“ Seine Augen strahlen, so als ob er gerade eine nackte Meerjungfrau gesehen hat.
„Was ist los, Felix? Dreh nicht gleich durch! Erst unsere Mädels, die Reitklamotten anprobieren, und jetzt du! Wir sind nicht hergekommen, um Zeitung zu lesen. Wer möchte schon wissen, dass der Wasserstand der Ems zwei Zentimeter über normal ist, und irgendwer tot am Viehzaun hängt.“
„Hier geht es auch um Tod, aber nicht am Zaun“, stellt Felix klar, „Schaut her, der Artikel ist gerade mal zwei Wochen alt. Hört mal zu!“

Ist die Millionärstochter aus Lingen verbrannt? Lingen, am 01. Juli
von Andreas Staubermann
Seit über einem Jahr wird die Unternehmertochter Lisa Johanna Friedrich vermisst. Jetzt erklärte das Polizeikommissariat Nordhorn auf Nachfrage unserer Redaktion, dass es nur wenig Hoffnung gibt, die junge Frau lebend zu finden, da alle Nachforschungen ohne Ergebnis blieben. Der Fall machte bundesweit Schlagzeilen, da sie die einzige Tochter des bekannten Unternehmerehepaars Friedrich aus Lingen war. Die Familie besitzt neben dem Unternehmen Friedrich GmbH auch einen renommierten Ausbildungsstall für Springpferde mit einem Gestüt, das Gut Friedrich. Das Ehepaar war bei einem tragischen Flugzeugabsturz vor anderthalb Jahren ums Leben gekommen und hatte ihrer einzigen Tochter das komplette Vermögen hinterlassen. Laut Recherche unserer Zeitung stand die damals 25-jährige Tochter wochenlang unter Schock und musste mit starken Beruhigungsmitteln behandelt werden.
Die Polizei ermittelte in mehrere Richtungen. Das Verschwinden der Emsländerin wurde auch mit dem Scheunenbrand auf Gut Friedrich vom 20. Juni vergangenen Jahres in Verbindung gebracht, da Lisa Friedrich am selben Tag zum letzten Mal lebend von Alexander Rilk, dem Vorsitzenden der Stiftung Friedrich, auf dem Gut gesehen worden war. Er hatte am 28. Juni eine Vermisstenanzeige bei der Polizei in Nordhorn aufgegeben. Anderthalb Wochen nach dem Scheunenbrand wurde noch gezielt nach sterblichen Überresten gesucht. Da aber zu diesem Zeitpunkt die Trümmer der Scheune schon überwiegend beseitigt worden waren, blieben diese polizeilichen Untersuchungen ergebnislos.
Felix macht eine kleine Pause: „Spannend, oder?“
„Wieso? Eine Frau, die wir nicht kennen, ist wahrscheinlich in einer Scheune verbrannt. Und wir wissen jetzt nur, dass Anne Merz sich für diese Tote interessiert. Na und? Was hat das mit uns zu tun?“ fragt Jan genervt.
Alle Augen richten sich wieder auf Felix, der unbeeindruckt fortfährt: „Hier noch ein zweiter Artikel, der vor gut einem Jahr geschrieben wurde.“
Scheune des Guts Friedrich wurde Raub der Flammen: Brandstiftung?
Lingen, am 01. Juni
von Andreas Staubermann,
Gut zwei Wochen, nachdem eine Lagerhalle in Lohne komplett niederbrannte, ist diesmal die renommierte Reitanlage Friedrich in Lingen betroffen. Besonders ärgerlich in diesem Fall: Das betroffene Wirtschaftsgebäude, welches zur Lagerung von Heu und Stroh, aber auch von diversen Fahrzeugen genutzt wurde, war erst vor zwei Jahren neu errichtet worden. Die Pferdestallungen befanden sich glücklicherweise in anderen Gebäuden, so dass die Vierbeiner zwar um ihren nächtlichen Schlaf gebracht wurden, ansonsten jedoch nicht weiter zu Schaden kamen. Anders das Bild am Brandherd. Als nach der Alarmierung am Sonntag, um 15:02 Uhr, die ersten der insgesamt 37 Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr Lingen die Scheune erreichten, hatte das Feuer schon ganze Arbeit geleistet. Die Scheune stand komplett in Flammen, erste Stützträger gaben bereits nach. Seitens der Einsatzleitung wurde entschieden, die Scheune kontrolliert abbrennen zu lassen und eine Brandwache zu stellen. Über die Brandursache des verheerenden Feuers gibt es noch keine konkreten Erkenntnisse. Die Kriminalpolizei hat ihre Ermittlungen aufgenommen. Voraussichtlich am Mittwoch dieser Woche wird ein Brandsachverständiger eintreffen.
Zeugen, die Hinweise auf die Brandentstehung geben können oder verdächtige Beobachtungen im Zusammenhang mit dem Feuer gemacht haben, werden gebeten sich mit der Kriminalpolizei in Verbindung zu setzen. Die Unglückstelle ist bis auf weiteres beschlagnahmt.
„Und jetzt kommt das Interessante daran: Über den Satz aus diesem Artikel „Das Feuer hatte ganze Arbeit geleistet“ hat jemand mit rosafarbenem Neonmarker geschrieben:
„Sie hatte schwer gelitten. Ich habe sie erlöst. Anne Merz.“
„Das ist doch der Hammer!“ Katharina klingt schockiert.
„Das hört sich an wie die Inschrift auf einem Grabstein. Der einzige Unterschied ist, dass da jemand das Wort „Gott“ mit „Ich“ verwechselt hat. Ich glaube, dass sich daraus für uns einige interessante Möglichkeiten ergeben könnten“, Jans Augen blitzen.
„Wie meinst du das, Jan? Die Frau ist doch offensichtlich eine Mörderin, wir müssen sofort zur Polizei“, ruft Katharina entsetzt aus.
„Das ist bisher nur eine Vermutung. Wir sollten jetzt Ruhe bewahren und einen geordneten Rückzug ohne Verluste antreten“, gibt Jan neue Kommandos.
„Wo warst du vorhin, Karl? Was immer du da gemacht hast, kümmre dich darum, dass es keine Fingerabdrücke gibt. Alle nochmal nachdenken, wer was angefasst hat. Du Katharina, die Reitstiefel und du Felix, den Sekretär.“
„Was machen wir mit den Zeitungsartikeln?“ fragt Felix. „Ich glaube, ich fotografiere sie und lege sie wieder in die Schublade zurück. Die Zeitungsartikel waren unter einem Stapel Bücher versteckt.“ Er holt sein Smartphone aus seiner Hosentasche.
„Wie hast du die Artikel denn dann gefunden?“ will Katharina wissen. Felix antwortet ohne die Spur eines schlechten Gewissens: „Ich habe bei meiner älteren Schwester auch immer alles gefunden, was sie versteckt hatte. Übung macht den Meister.“
„Deine arme Schwester“, Anna schüttelt mitfühlend mit dem Kopf.
„Anne Merz hat anscheinend nicht damit gerechnet, dass der Mega-Schnüffler Felix Petersen hier vorbeikommt“, lästert Katharina.
Als Felix sein Smartphone hoch hält, entscheidet Jan: „Nein, du brauchst keine Fotos zu machen, die Zeitungsartikel nehmen wir mit.“
„Aber dann merken die doch, dass jemand hier gewesen ist“, Felix schaut Jan mit fragendem Blick an.
Die Antwort von Jan kommt prompt: „Das ist nicht weiter tragisch, sondern eher hilfreich.“
Karl, der bisher noch nichts gesagt hat, fingert nervös in seinen Haaren herum und versucht, das Gehörte zu verarbeiten: „Die Pferdefrau, die den Satz geschrieben hat, soll eine andere Frau umgebracht haben? Aber warum hat sie diesen verräterischen Satz auf die Zeitung geschrieben, ohne dazu gezwungen worden zu sein?“
Es ist Anna, die Karl antwortet. „Es schafft dem Täter Erleichterung. Das ist bekannt.“
„Das ist das Prinzip des Geständnisses, dass man sich danach besser fühlt, die Last ist abgefallen“, ergänzt Jan.
„Ihr habt möglicherweise Recht, aber ich verstehe nicht, warum sie das Geständnis nicht vernichtet hat. Das ist ja wirklich krass“, grübelt Katharina.
„Ich glaube, wir sollten uns schnellstens vom Acker machen“, scheucht Jan die anderen auf.
„Warum denn das? Ist doch alles ruhig“, stellt Felix fest. „Wer ist jetzt hier der Schisser?“
Jan duldet keinen Widerspruch:
„Die Situation hat sich drastisch geändert. Falls es euch noch nicht aufgefallen ist: Wir sind hier in einem Haus, dessen Bewohner vermutlich schon mal Menschen getötet haben, der eine von Berufs wegen und die andere aus Barmherzigkeit. Ich weiß nicht, was euch besser gefällt, mir macht beides Angst. Falls sie uns hier überraschen, dann viel Spaß! Würden die uns mit dieser von Frau Merz signierten Emsländer Trottel Times erwischen, erhielte unser Afghanistan-Soldat bestimmt das Kommando: Feuer frei. Oder glaubt ihr, dass wir uns mit ‚Wir wollten uns nur für einen weiteren Strandritt anmelden, aber leider war niemand da‘, herausreden könnten?“
Felix hält die Zeitungsartikel in der Hand, als ob er sich an ihnen die Finger verbrennen würde und lässt sie sich von Jan bereitwillig abnehmen. Alle bewegen sich sofort in Richtung Ausgang.
Und zu Anna sagt Jan: „Geh schon mal mit den anderen zum Auto, ich komme gleich nach.“
Während er die Zeitungsartikel vorsichtig zusammenfaltet und in seine Hosentasche steckt, schaut er sich gründlich im Schlafzimmer um. Anne und Christian scheinen beide hier zu schlafen. Auf einem der beiden Nachttischschränke liegt neben einem Buch mit dem Titel „Die moderne Hundeerziehung“ eine Herrenarmbanduhr und auf dem anderen ein aufgeschlagenes Buch über Springreiten. Auf der Überwurfdecke, ausgebreitet auf dem großen Doppelbett, sieht er etliche Hundehaare. Als er den großen Kleiderschrank öffnet, zieht er die Ärmel seines Hemdes über die Hände, um keine Fingerabdrücke zu hinterlassen. Erwartungsgemäß füllen etwa dreiviertel des Schrankes weibliche Kleidungsstücke. In dem kleinen Teil, der offensichtlich von Christian Schmidt genutzt wird, hängt eine Kampfuniform der Bundeswehr. Auf dem Oberärmel der Jacke steht Germany, darunter ist die Deutschlandfahne, ISAF und das NATO Symbol zu sehen.
Er nimmt sich noch Zeit, den Sekretär genauer zu untersuchen, in dem sich die Zeitungsartikel befunden haben. Es gibt in einem Fach jede Menge Fotos von einem Pferd, und auf einem Foto ist ein schöne Reitanlage mit mehreren Häusern zu erkennen. Er steckt es ein. Als er eine Schublade mit Finger- und Ohrringen, Ketten und Armreifen entdeckt, ist er insgeheim froh, dass es Felix war, der den Sekretär untersucht hat. Anna und Katharina hätten bestimmt alles anfassen und probieren wollen. Aber etwas Wertvolles ist bestimmt nicht in dieser Schublade, oder vielleicht doch? Das hätte die Pferdefrau bestimmt in einen Safe gegeben. Er schaut auf seine Armbanduhr. Die Mittagspause ist vorüber. Bald würde der Reitbetrieb wieder starten, und er hat nicht mehr viel Zeit. Aber seine Neugier siegt über seine Angst, entdeckt zu werden.
Ein großer funkelnder Stein weckt sein Interesse. Er verziert eine schlichte weißgoldene Halskette. Jan ist verblüfft, mit Diamanten kennt er sich aus. Sein Vater besitzt eine Sammlung von schönen Steinen als Wertanlage, die er ihm mehrfach gezeigt hat. Er weiß, was einen Stein wertvoll macht. Jan öffnet die Lupenfunktion seines Handys, zieht die Vergrößerung auf Maximum und tippt auf ‚Licht ein‘. Mit diesem einfachen Hilfsmittel kann er keine Einschlüsse oder Trübungen erkennen. Möglicherweise ein lupenreiner Brillant! Seine Erregung steigt. Bei der ersten Betrachtung leuchtet der Stein in einem makellosen hochfeinen Weiß. Die genaue Farbe konnte man nur mit dem Spektralfotometer bestimmen. Er zieht sein Taschenmesser aus der Hose und bearbeitet vorsichtig die Fassung des Steins. Als er den Brillanten wie ein rohes Ei in seiner Hand hält, kann er seine ganze Schönheit bewundern, der runde Brillantschliff mit 32 Facetten rund um die Tafel und 24 Unterteilfacetten. Es ist auch kein Swindelstone, das sind sogenannte Bluffsteine, die breit und flach sind und deshalb nicht glänzen wie Brillanten. Aber dieser hier hat wirklich Feuer. Möglicherweise ist der Stein wertvoller als die Brillanten, die sein Vater besitzt, denn er schätzt ihn auf 4-5 Karat. Wenn er mit seiner Analyse Recht behalten würde, hat dieser Brillant den Gegenwert eines teuren Autos. „Soll ich ihn mitnehmen?“ überlegt Jan, „Anne Merz geht sicher nicht zur Polizei, denn sie hat mehr zu verlieren als den Stein. Ich habe ja ihr Geständnis.“. Er kann nicht anders und steckt den Brillanten in seine Hosentasche.
„Was mache ich mit der Halskette?“ Er gibt sich selbst die Antwort: “Hierlassen.“ Sie ist leicht wiederzuerkennen und würde ihn schnell verraten. Den Brillanten hingegen erkennt nur ein Fachmann wieder. Er wischt mögliche Fingerabdrücke auf der Kette ab und verlässt ruhigen Schrittes das Haus durch die Ankleide, mit der Gewissheit, dass er heute erheblich reicher geworden ist. Er legt den Schlüssel wieder unter die Fußmatte.
„Was hast du da drinnen noch gemacht, während wir uns hier gelangweilt haben?“ begrüßt ihn Felix, der mit den anderen im Auto vor der Reithalle auf ihn wartet.
„Deine Spuren verwischt, Alter“, kontert Jan blitzschnell, und zu allen sagt er: „Lasst uns morgen Abend das weitere Vorgehen besprechen. Wo sollen wir uns treffen?“ Jan schwingt sich neben Anna auf den Fahrersitz.
„Treffen wir uns doch bei mir, das ist am einfachsten, da sind wir ungestört“, schlägt Katharina vor.
Als Jan das silberne Cabrio an den Reitplätzen vorbei zur Ausfahrt lenkt, kommt ihnen ein gelber VW Beetle entgegen, in dem Julia sitzt.
„Scheiße, das ist doch Mama. Die vom Strandritt!“ ruft Jan aus.
„Hat die uns gesehen?“ fragt Karl.
„Ich glaube schon“, stöhnt Anna, „Was machen wir jetzt?“
„Gar nichts!“ Jan trinkt einen Schluck Wasser und gibt Anna die Flasche.
„Hier, Anna.“
„Und an mich denkt keiner! Immer bekommt Anna alles zuerst“, beschwert sich Katharina, die auf dem Rücksitz sitzt.
„Kathy, alles wird gut“, mit diesen Worten gibt Anna ihr die Flasche. Nachdem Katharina getrunken hat, hält sie Felix die Flasche hin, der neben ihr sitzt.
„Nein danke, ich will euer angesabbertes Wasser nicht“, Felix schüttelt den Kopf.
„Du zeigst dich ja mal wieder von deiner allerbesten Seite, Felix“, Anna grinst ihn an.
„Der hat doch voll den Hygienefimmel“, kommentiert Karl, der auf dem Rücksitz hinter seinem Freund Jan sitzt.
„Wer will schon gerne die Rüsselpest bekommen! Ich jedenfalls nicht!“ Felix schüttelt den Kopf und schneidet eine Grimasse.
Während Anna im Spiegel der Sonnenblende ihr Make-up kontrolliert, fährt der silberne Wagen über die schnurgerade Straße vorbei an Wiesen mit ihren Entwässerungsgräben. Über den Feldern ist das Kreischen der Möwen zu hören. Das bewirtschaftete Marschland hat ein sattes Grün, und der Blick kann in die Weite schweifen, da es keine Bäume und nur wenige Hecken gibt. In der Ferne sieht man die Dünenkette, die den Blick auf das Meer versperrt, und die Hochhäuser von Westerland. Die Sonnenstrahlen können sich nicht gegen die dicken Kumuluswolken durchsetzen, die über der Insel hängen.
„Vielleicht solltest du es mal mit Dunkelrot versuchen“, bemerkt Katharina schnippisch, als Anna ihren Mund mit einem hellroten Lippenstift nachschminkt.
„Die Optik ist wichtig Kleines, sonst wird man übersehen, und das wäre doch schade“, grinst Anna.

Weiter mit Kapitel 4 bis 20:

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